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Bewegt Euch: Es ist schon vier vor zwölf!
Was tun, wenn man nur noch vier Minuten zu leben hätte? Was tun, wenn in vier Minuten, die Welt untergehen würde? Da bleibt nicht mehr viel Zeit, das Ruder rumzureißen, und dennoch hat Madonna eine wunderbare Idee ...
"4 Minutes", die erste Single-Auskopplung des neuen Madonna-Albums "Hard Candy", das am 25. April in Deutschland Premiere feiert, ist wieder einmal von einem mitreißenden Video flankiert worden. Wobei "mitreißend" ganz wörtlich zu nehmen ist. Denn kaum jemand (außer natürlich die allergrößten Tanzmuffel! Oder muss man sie Ignoranten nennen?) wird wohl nach Betrachten des Videos weiterhin in seinem Sessel sitzen bleiben können. Aber das ist ja - wir werden es sehen - Sinn der Sache.
Madonna wirbelt und rollt und dreht sich, gibt Break-Dance-Einlagen, lässt Hüften, Beine und Arme kreisen - und lockt ihren Partner Justin Timberlake, den sie ebenso wie den Kultproduzenten Timbaland ins Boot geholt hat, durch allerlei befremdliche Kulissen. (Oder lockt er sie, die Lady, von der ihn knapp drei Jahrzehnte trennen? Hony soit qui mal y pense. Ein Schelm ist, wer Böses dabei denkt.) Sie klettern durch Fenster, tollen in Betten, treffen sich in Waschräumen, hüpfen durch Supermarkt-Gänge, scheinen sich auf der Rückbank eines Autos zu küssen und tanzen auf den Dächern ausrangierter Karosserien.
Welchen Glücksrausch das Tanzen auf Autodächern verschaffen kann, hat der Leipziger Autor Clemens Meyer in seinem Debüt-Roman "Als wir träumten" beschrieben. Aber dass man damit auch die Welt retten kann, ist so neu, dass man es kaum glauben mag. Und dennoch, ein Versuch ist es wert:
"Ich werde Euch in den Hintern treten - und ihr werdet Euch gut dabei fühlen", hat Madonna in ihrer sehr eigenen, oft als etwas zu deutlich kritisierten Art gesagt - und wenn man das Video sieht, weiß man sofort, was gemeint ist: Raus aus dem Sessel, rein ins Leben! Tut was, macht was, bewegt Euch - und, das ist wohl ihr wichtigster Appell: Bewegt damit was! Denn - um es mit Erich Kästner zu sagen: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.
Noch nie ist jemand der Apokalypse auf so beschwingte Weise entgegen getreten. Meist hat man Pech, Schwefel, Feuer, Infernos und schwarze Reiter bemüht und auch bei Madonna ist vieles schwarz: die Lackstiefel, die Kulisse, die überlebensgroße Welt-Uhr, die gnadenlos den Countdown des Untergangs herunter zählt, und die seltsam wabernde Masse, die die Welt ihres Videos langsam zersetzt, auflöst und sich einverleibt wie in einem Science-Fiction-Film der achtziger Jahre. Kubrick lässt grüßen!
"Ich wollte, dass meine Stimme gehört wird", sagte die Königin der Popmusik erst kürzlich als man sie fragte, wie sie es geschafft hat, sich von dem Gros der Tänzerinnen abzuheben, die im New York der späten siebziger Jahre ihr Glück und eine Zukunft suchten. "Deshalb habe ich meine Stimme immer erhoben." Madonnas Videos waren dafür immer in dankbares Medium, mehr noch: eine Abschussrampe für die Botschaften, mit der sie die Welt torpediert hat. Hier konnte sie vordergründig ihre Musik singen und hintergründige Frage stellen:In "Like A Prayer" (1989) etwa stellte sie Fragen über den Zusammenhang von Religion und Erotik. Etwas, was das Leben des katholisch erzogenen Mädchens in beeinträchtigender Weise bestimmt hat. Sie leckt die Wundmale Jesus Christus, die sie an ihren eigenen Händen erkennt, tanzt im schwarzen Slip zwischen fackelnden Kerzen und gibt sich schließlich einem schwarzen Mann hin, der als Jesus erkennbar ist.
Dazu singt der Gospel-Chor zweideutig: "I'm down on my knees. I wanna take you there." Sofort ging das Geschrei los: Sex mit Jesus? Einem schwarzen Jesus zumal? Darf man das? Bei diesen Bildern war selbst der Papst in Rom unter Strom! Doch die schlichten Gemüter, die Madonna als billige Provokateurin abtun wollten, übersahen, dass sie eine Diskussion losgetreten hatte, die längst fällig war.
Oder 2003. Ihr Video zu "American Live": Da stiefelt Madonna im Military-Look durch die heile Welt der Haut-Couture und rappt über die Oberflächlichkeit des amerikanischen Lebensstils. Sie singt über Menschen, denen es wichtiger ist, einen Termin beim Pilates-Trainer zu bekommen, als für den Frieden einzutreten. Sie erbost sich über Leute, die zehn Bodyguards haben, aber ihren Mitmenschen in den Krieg schicken. Die Bilder, die sie für ihre Botschaft findet, sind radikal: Panzer rollen auf den Laufsteg, Maschinengewehr-Salven treffen das Publikum und schließlich beendet ein Georg-W.-Bush-Double die verlogene Vorstellung, indem er eine Granate zündet. Wieder wurde Madonna Oberflächlichkeit vorgeworfen, aber wieder hat sie mit ihrem Video die Machthaber der Welt brüskiert. Das Video musste bei sämtlichen Fernseh-Kanälen aus der Rotation genommen werden. Zensur gibt denjenigen Recht, die es wagen, Wahrheiten auszusprechen.
Und nun gibt es ein neues Video: "4 Minutes". Auch diesmal geht es um ein großes Thema - das Ende der Welt. Es wurde vielfach davor gewarnt, wie nahe es bereist ist: in Kyoto, auf dem G8-Gipfel in Heiligendamm, im New-Yorker Uno-Gebäude, aber immer noch wird geredet, zerredet, tatenlos zugesehen, als ob alles weiter seinen Gang gehen könnte. Die Luft wird verschmutzt, die Ressourcen werden ausgebeutet, keiner will Abstriche machen. Dabei, sagt Madonna, ist es nicht erst fünf vor zwölf, es ist bereits vier vor zwölf! Auch diesmal wählt sie in ihrem Video Bilder, die sich manchen auf den ersten Blick nicht erschließen mögen. Dennoch hallen sie nach, wirken unterbewusst weiter. Und auch diesmal hat sie eine Botschaft, die so einfach wie genial ist, die so hintergründig daherkommt, wie ihre Bilder vordergründig erscheinen: Bewegt Euch!, sagt sie auf so unnachahmliche Weise - und damit: Bewegt was!
Auch diesmal ist es vorauszusehen, dass Kritik auf Madonna einprasseln wird: Da gibt es Menschen, die das soziale Engagement Madonnas - in Malawi, bei den Live Aid-Konzerten - für Blasphemie halten und als Beruhigungsmittel für ihren privilegierten Status diffamieren. Doch wie groß, wäre das Geschrei, wenn Madonna sich nicht engagieren würde, wenn sie die selbstverdienten Millionen genießen und mit niemanden teilen würde? Da gibt es welche, die monieren, dass sie in ihrem Video zu jung aussieht und zählen all die Dinge auf, die zu ihrer Schönheit geführt haben mögen.
Mal ehrlich: Wie kann eine Frau jemals zu jung aussehen? Und da gibt es böse Zungen, die behaupten, sie würde ihre angeblich lahmende Karriere beflügeln, indem sie Justin Timberlake und Timbaland - die hot properties der Musik-Szene - engagiert und sich quasi an deren Erfolg bereichert. Auch dazu ein Wort: Warum fragt keiner, warum das T'n'T-Duo Timbaland & Timberlake nur allzubereit "Hier!" geschrien hat, als Madonna sie ins Studio geholt hat? Und: In was für einer Welt leben wir, dass sich eine Frau immer noch dafür rechtfertigen muss, wen sie zum Tanzen auffordert?
Doch egal, welche Kritik Madonna treffen wird: Noch nie ist die Welt auf so wunderbare Weise gerettet worden.
Bettina Hennig